Abschied von der SIM-Karte

Von Felix Disselhoff

Die wohl größte Neuerung aus dem Hause Apple stellte der Konzern während seiner iPad-Keynote gar nicht vor. Dabei hat die Apple SIM das Potenzial, den Mobilfunkmarkt grundlegend zu verändern.

Wie sehen wohl die nächsten iPhones aus? Sind sie schon ab Werk gebogen? Werden sie noch dünner? Und noch größer? Bei einer Sache kann man sich zumindest sicher sein: Der SIM-Kartenschacht, das letzte herausnehmbare Bauteil am Smartphone-Gehäuse, wird verschwinden. Wie wir zu dieser Annahme kommen? Den Grundstein dafür hat Apple klammheimlich gelegt, indem es seine Apple SIM während der Keynote zu den neuen iPads mit keinem Wort würdigte und das Feature lediglich auf der Website für das iPad Air 2 erwähnte.

Ohne langfristige Verpflichtung

Was ist eine Apple SIM? So bezeichnet der iPhone-Hersteller seine neuartige SIM-Karte, die im neuen Flaggschiff-Tablet verbaut ist und bislang nur in den USA und Großbritannien zum Einsatz kommt und von AT&T, T-Mobile und Sprint unterstützt wird. Der Clou: Mit der vorinstallierten SIM-Karte können Nutzer zwischen verschiedenen Mobilfunknetzen flexibel ihren Tarif wählen und wieder ändern. Mit dem neuen iPad führt Apple also eine softwarebasierte SIM-Karte ein, die eine Provider-Bindung auf lange Sicht überflüssig macht.
„Die Apple SIM gibt euch die Flexibilität, zwischen einer Reihe von kurzfristigen Tarifangeboten verschiedener Mobilfunkanbieter in den USA und England zu wählen. So könnt Ihr den Tarif auswählen, der auf euch am besten zugeschnitten ist – ohne langfristige Verpflichtung“, heißt es auf der Apple-Website.

Bye-bye Zwei-Jahres-Vertrag

Was Apple für die Verbraucher nett formuliert, ist gleichzeitig ein wohlkalkulierter Affront gegen die Provider. Kein anderes Gerät hat eine vergleichbare Zugkraft, Menschen in die Stores der Anbieter zu treiben, wie das iPhone. Nicht nur Schlangen vor den Türen sind programmiert. Die Apple-¬Devices sorgen dafür, dass Nutzer ihre Verträge verlängern und neue abschließen. Das hat jüngst noch mal John Legere,¬ der Chef von T-Mobile US, untermauert. In einem Interview gab der Firmenlenker zu: Dass T-Mobile Vertragspartner von Apple wird und damit einen direkten Anschluss an die iPhone-¬Quelle bekommt, hatte für ihn bei seinem Jobantritt allerhöchste Priorität. Denn auch Jahre nach der Einführung der ersten iPhone-Generation sei der Run auf die Apple-¬Geräte ungebrochen hoch.

Da verwundert es nicht, dass Tim Cook mit dem Launch der Apple SIM eine Strategie fortführt, die ihre Ursprünge im Jahr 2010 hat. Zum Verständnis: Kein anderes Ökosystem in der IT-Welt bestehend aus Hard- und Software wird so sehr von einem Unternehmen kontrolliert, wie es bei den iPhones sowie iPads und iOS der Fall ist. Apple wirbt sogar damit, dass alles „aus einem Guss“ ist. Eine SIM-Karte ist unter diesen Umständen ein Fremdkörper.

Vor vier Jahren präsentierte Steve Jobs der Weltöffentlichkeit das iPad – zusammen mit der Micro-SIM. Heute in vielen Geräten längst Standard, brach Apple zu dieser Zeit mit einem jahrelang von Providern und Herstellern genutzten Standard – mit Erfolg. Die Provider beugten sich der neuen, kleineren SIM, und andere Smartphone- und Tablethersteller zogen nach. Nur wenig später hielt die Micro-SIM auch im iPhone 4 Einzug.

Mit dem iPhone 5 folgte dann die Einführung der Nano-SIM. Diese besteht aus nicht viel mehr als einem goldenen Chip. Interessanterweise entwickelten Apple und Nokia zeitgleich eine Nano-SIM, die sie als bessere Variante für sich standardisieren lassen wollten. Apple setzt sich schließlich beim Europäischen Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI) durch. Aktuell kommt die winzige Karte in den iPhones, Motorolas Moto-X-Serie, einigen Lumias und dem Blackberry Passport zum Einsatz. Samsung setzt weiterhin auf die Micro-SIM.

Einführung im iPhone 7 wäre nur logisch

Nun geht Apple einen Schritt weiter. Die Karte wird nominell nicht kleiner, dafür sind die Möglichkeiten für Nutzer umso größer. Gibt sie Mobilfunkkunden doch mehr Freiheiten – und Providern theoretisch mehr Möglichkeiten, aber auch weniger Sicherheiten. Schließlich verfügt Apple über eine enorm große Nutzerschaft mit seinen iPads und den iPhones. Wenn sich also einer der größten Hersteller von Mobilgeräten dazu entscheidet, dass seine Nutzer künftig halbwegs spontan zwischen unterschiedlichen Verträgen hin- und herwechseln können, dann rüttelt das am Zwei-Jahres-Modell, das Kunden über lange Zeiträume an einen Vertrag bindet. Die Chance für Provider: Mobilfunkunternehmen mit flexibleren Tarifstrukturen könnten mit einem breiteren Portfolio neue, wechselwillige Kunden gewinnen, die mit ihrem eventuell unflexibleren Provider unzufrieden sind.

Und was sagen die dazu? In Deutschland sträubt sich die Telekom noch gegen die Neuerung: „Wir werden das Gerät in Deutschland nicht mit der Apple SIM anbieten“, erklärte ein Sprecher gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Ansage, die sich bei den rückläufigen Verkaufszahlen des iPads noch halten lässt. Aber spätestens, wenn auch die iPhones mit einer Apple SIM ausgestattet werden, müssen die Provider reagieren.

Provider unter Zugzwang

Und das ist gar nicht so unrealistisch. Das hat die noch relativ junge Geschichte der SIM-Karten in Apple-Geräten gezeigt. Mit dem iPad testet Apple im kleinen Rahmen die Einführung neuer Standards, um sie dann relativ zeitnah auch für das iPhone auszurollen. Insofern würde es nicht verwundern, wenn das nächste Apple-Smartphone mehr als ein rein technisches Unter-der-Haube-Update wäre. Der Einsatz der Apple SIM oder einer komplett virtuellen SIM und damit der Abschied vom SIM-Kartenschacht im iPhone 7 ist umso wahrscheinlicher. Immerhin spart Apple damit auch wertvollen Platz im Gerät ein.

Für die Provider bedeutet das: Wer dabei sein will, sollte sich schon jetzt um eine Zusammenarbeit mit Apple bemühen. Ansonsten bleibt der Ansturm künftig aus. Und wie groß dieser sein kann, das hat Apple in den vergangenen Wochen mit Rekordverkäufen eindrucksvoll belegt. Für Kunden bedeutet das: Sie können sich auf lange Sicht neben einem einfacheren Installationsprozess auch auf fallende Preise freuen. Denn wenn Nutzer einfacher wählen können, nimmt auch der Preiskampf zu. Schließlich ist es nur eine Frage weniger Klicks – und schon ist der Provider gewechselt.

Über einen Release der Apple SIM außerhalb der USA und Großbritannien verrät Apple nichts. Noch sind immerhin einige bürokratische Hürden zu nehmen. Denn mit einer Einführung des Features auch in Deutschland würde der Abschluss eines neuen Tarifs über das iPad noch lange nicht dazu führen, dass der alte Zwei-Jahres-Vertrag automatisch gekündigt wird. Doch die Chancen stehen gut, dass Apple auf lange Sicht Erfolg haben wird. Denn mit AT&T, Sprint und T-Mobile haben sich bereits die US-Schwergewichte auf dem Mobilfunkmarkt bereit erklärt. Verläuft dieser öffentliche Test erfolgreich – für Apple und die Provider –, werden die deutschen Mobilfunkanbieter nachziehen.

Der Artikel stammt aus dem sonntag – das digitale Magazin. Einblicke in die Vielfalt des digitalen Sonntagsmagazins erhalten Sie ebenfalls auf dem so.-Blog. Zudem können Sie Facebook-Fan vom sonntag werden.