Apple Watch – Die unterschätzte Uhr

Von Markus Werning

Es ist lange nicht mehr vorgekommen, dass ein Apple-¬Produkt unterschätzt worden ist. Das letzte Mal liegt sieben Jahre zurück. „Ich garantiere Ihnen, dass sich das iPhone nicht sonderlich verkaufen wird“, sagte Steve Ballmer im Juni 2007 in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Der damalige Microsoft-Chef sollte sich irren, der Konzern leidet heute noch darunter, das Beispiel müsste also eine Warnung sein. Trotzdem scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Apple hat im Oktober eine Smartwatch für das nächste Frühjahr angekündigt. In den vergangenen Tagen veröffentlichte das Unternehmen weitere Details dazu und stellte die Funktionen der Uhr vor. Darunter sind durchaus interessante Ansätze, sie gehen auch über die Möglichkeiten der Konkurrenz hinaus. Nick Hayek meinte trotzdem in einem Interview mit dem Handelsblatt: „All diese Smart Watches werden unsere Branche nicht revolutionieren.“ Und der Swatch-Chef bezog sich ausdrücklich auf die Apple Watch. Wenn er sich da mal nicht irrt.

Der Erfolg hängt auch von Spielereien ab

Denn Apples Entwickler haben sich Funktionen wie „Herzschlag“, „Skribble“ und „Tap“ ausgedacht; es sind neue Möglichkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Der Benutzer kann zum Beispiel jemandem signalisieren, dass er an ihn denkt, indem er ihm einen kurzen Vibrationsalarm auf dessen Uhr schickt. Oder er zeichnet seinen Herzschlag auf und sendet die Aufnahme seinem Partner. Damit sagt er ihm: Hör mal, was ich für dich empfinde. Er kann ihm auch ein Herz schicken, das er mit seinem Finger auf dem Bildschirm der Apple Watch gezeichnet hat. Oder einen Tisch, weil er ihn zum Essen einlädt. Seiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Deshalb spricht viel dafür, dass diese Funktionen beliebt sein werden – und weil es Spielereien sind. Es wird wahrscheinlich vielen Menschen Spaß machen, anderen mit der Apple Watch Botschaften zu senden. Es wird für sie auch einfacher sein, als einen Text auf einer Tastatur einzutippen. Und es werden damit persönlichere Botschaften möglich sein als mit einem Smartphone, weil sie nicht aus einem standardisierten Emoticon wie einem küssenden Smiley bestehen – sondern aus dem eigenen Herzschlag. Und je beliebter die Funktionen sind, desto beliebter wird die Apple Watch sein, weil „Herzschlag“, „Skribble“ und „Tab“ nur mit ihr möglich sind. Der Erfolg der Uhr hängt deshalb auch von diesen Spielereien ab, weil sie ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Smartwatches sind und weil sie einen Mehrwert gegenüber einem iPhone bieten. Das unterscheidet sie von vielen anderen Funktionen, die im Einzelnen zwar sehr nützlich sind – die aber schon von jedem besseren Smartphone angeboten werden.

Eine Uhr als Personal Trainer

So wird die Apple Watch ein gutes Hilfsmittel für jemanden sein, der Sport treibt. Eine neue App wird analysieren, wie viel er sich bewegt und wie viele Kalorien er dabei verbrennt. Das Programm wird ihm Tagesziele vorschlagen, die Grundlage dafür werden die bisherigen Bestmarken sein, und wenn der Benutzer die vorgegebenen Werte erreicht, wird er mit Medaillen belohnt. Die Uhr wird dadurch zu seinem Personal Trainer.

Sie wird aber auch die klassischen Aufgaben beherrschen und zum Beispiel eingehende Anrufe anzeigen. Um sie abzulehnen, muss der Benutzer seine Hand nur auf den kleinen Bildschirm legen. Die Uhr wird ihn aber auch über neue Nachrichten informieren. Wenn der Anwender dann seinen Arm hebt, öffnet sie den Text und schlägt ihm Antworten vor. Basis dafür werden Formulierungen sein, die er bereits geschrieben hat.

Um jedoch eine längere Antwort zu verfassen, wird er sein iPhone¬ aus der Tasche hervorholen müssen. Oder um durchs Internet zu surfen. Denn für viele Aufgaben bleibt das Smart¬phone die bessere Wahl. Die Smartwatch kann es nicht ersetzen. Das versuchen Apples Entwickler bisher auch nicht. Stattdessen arbeiten sie daran, dass die Uhr das Mobiltelefon sinnvoll ergänzt und Funktionen bietet, die das Handy nicht hat – weil sich nur dann der Kauf eines 200 bis 300 Euro teuren Gerätes zusätzlich zum Smartphone lohnt. Sie sind auf einem guten Weg.

Swatch muss dagegen erst beweisen, dass die Firma eine Smartwatch entwickeln kann. Der weltweit größte Uhren¬hersteller will sie bald auf den Markt bringen. Hayek sieht in der Apple Watch trotzdem schon eine Chance für seine Firma – und nicht eine Gefahr. „Weil sie Menschen, die bislang keine Uhr trugen, vielleicht dazu bringen wird, sich etwas ans Handgelenk zu binden.“ Das mag stimmen, das iPhone löste auch eine Nachfrage nach Smartphones allgemein aus. Aber das konnten schon damals einige große Anbieter nicht für sich nutzen. Ob sich diese Geschichte wiederholt, zeigt sich nächstes Jahr.

Der Artikel stammt aus dem sonntag – das digitale Magazin. Einblicke in die Vielfalt des digitalen Sonntagsmagazins erhalten Sie ebenfalls auf dem so.-Blog. Zudem können Sie Facebook-Fan vom sonntag werden.