Kommt das Riesen-Tablet aus Cupertino?

Von Felix Disselhoff

Die beste Zeit der Tablets ist vorbei. Während Apple mehr iPhones verkauft als jemals zuvor, schwächelt die iPad-Sparte. Die Zukunft der Flachrechner liegt in der Nische.

Das iPad Pro ist so etwas wie das moderne Ungeheuer von Loch Ness. Um den ominösen großen Bruder des „normalen“ iPads ranken sich Sagen, jeder will schon einmal ein Teil von ihm gesehen haben. Bewiesen ist es aber nicht. Und doch ist es nicht aus den Köpfen der Menschen zu bekommen.
Befragt man Wikipedia nach dem „Ungeheuer von Loch Ness“, so heißt es dort: „Seit Jahrhunderten wird immer wieder von (unbestätigten) Sichtungen eines Seeungeheuers im Loch Ness berichtet, das Nessie genannt wird. Aufgrund dieser Berichte ist Loch Ness ein beliebtes Ziel für Touristen.“ Nun, ganz so lange spukt das iPad Pro noch nicht in den Köpfen der Apple-Fans herum. Aber lange genug, als dass sich auch die eingefleischte Techszene fragt: Wann kommt es denn nun?

Apple: Fingerabdrucksensor für iPads - iMac mit Retina-Display

Die Konkurrenz schläft nicht

Mit Blick auf Apples gigantomanische Geschäftszahlen aus dem Weihnachtsquartal wird deutlich: Die iPad-Sparte schwächelt. Kann sich Apple über sagenhafte 74,5 Millionen verkaufte iPhones in nur einem Quartal freuen, sanken im Jahresvergleich die iPad-Verkäufe um 18 Prozent auf 21,42 Millionen Geräte. Das ist zweifelsohne immer noch eine Menge, allerdings scheint der Markt mit Tablets nach der Boomphase 2010/2011 gesättigt. Während die Nutzer es gewohnt sind, spätestens alle zwei Jahre mit dem Auslaufen eines Mobilfunkvertrages das Smartphone zu wechseln, sind die Innovationssprünge im Tablet-Segment zu gering, als dass sich eine Neuanschaffung lohnen würde. Da verwundert es nicht, dass Apple mit dem letzten Update seiner Tablet-Modelle dem kleinen iPad mini lediglich den Fingerabdruckscanner Touch ID spendierte.

Aber nicht nur Apple ist von der Katerstimmung im Tabletmarkt betroffen. Auch andere Hersteller verbuchen sinkende Einnahmen mit den Flachrechnern – und steuern mittlerweile mit neuen Konzepten fleißig dagegen. Wie etwa Nvidia mit dem potenten Shield-Tablet. Das kann sich dank des rechenstarken Tegra-K1-Chipsatzes für komplexe Games nutzen lassen. Der Grafikkartenspezialist startet zudem einen Cloud-Gaming-Dienst namens GRID. Darüber können dann künftig mit dem Tablet Spiele gezockt werden, die bislang eine Konsole oder einen teuren Gamingrechner erforderten.
Microsoft geht einen anderen Weg und erweitert das Tablet-Konzept um einen integrierten Standfuß, eine Tastatur und stattet sein Surface Pro mit einem „echten“ Windows aus. So lässt sich das Hybridgerät entweder als Tablet mobil nutzen oder zusammen mit einer Tastatur und Maus als Notebook-Ersatz.

Kommt das iPad Pro mit Stylus?

Und Apple? Nach der vergangenen Keynote mit der Vorstellung eines beeindruckend dünnen, leichten und schnellen iPad Air, aber eben auch einem nur stiefmütterlich überarbeiteten iPad mini 3, keimte bei vielen die Erkenntnis, dass sich das erfolgsverwöhnte Apple angesichts der Monsterverkäufe seiner iPhones und der schwindenden Absätze bei den iPads nach und nach aus dem Tabletmarkt zurückziehen könnte. Doch in den vergangenen Wochen tauchen plötzlich Details zu einem angeblichen 12-Zöller aus Cupertino auf.
Dabei ist das, was man dieser Tage in den Techblogs liest, für langjährige Apple-Fans eigentlich unvorstellbar: Ein großes Tablet von Apple, das über einen Stylus bedient werden soll! Mit einem Stift könnten Nutzer auf dem Gerät zeichnen, heißt es in einem Bericht des Analysten Ming-Chi Kuo von KGI Securities.
Demnach soll der Stylus aktiv sein und vermutlich über Blue¬tooth mit dem Tablet kommunizieren. Mittels Sensoren könnte der Stift auf diese Weise unterschiedliche Neigungswinkel und Drucklevel an eine kompatible Software weitergeben. Ähnliches Zubehör gibt es bereits, unter anderem vom Grafiktablett-Hersteller Wacom. Demnach würde der Stift über einen eigenen Akku verfügen und über den Lightning-Anschluss aufgeladen werden.

Apple_s Tim Cook: I_m proud to be gay

Das Ökosystem ist da

Allerdings wäre der Stift nur optionales Zubehör und würde nicht zusammen mit dem iPad im Bundle erscheinen, um den Preis auf einem angemessenen Niveau zu halten. Apple selbst kommentiert die Gerüchte um ein größeres Tablet nicht. Tatsächlich würde sich ein Flachrechner für den Profi-Einsatz für Apple durchaus anbieten. Ob für Grafik, Videoschnitt, Webdesign oder Fotografen: Längst sind die Desktop-Software-Suiten für Kreative auch im App Store von Apple als eigene Anwendungen mit großem Funktionsumfang verfügbar. Doch während die 9,7 Zoll des Standard-iPads für den mobilen Einsatz bislang eine gute Größe waren, braucht es gerade für die Arbeit mit einem Stylus mehr Arbeitsfläche.
Und mit dem neuen Continuity-Feature für iOS 8 und OS X Yosemite bietet Apple schon jetzt alles, was es für ein nahtloses Arbeiten auf Tablet und Rechner bräuchte. Eine Skizze, die auf dem iPad Pro angefangen würde, ließe sich anschließend am großen Mac erweitern. Eine Filmsequenz könnten Cutter am Tablet mit weiteren Szenen ergänzen. Bislang funktioniert Continuity in erster Linie mit Apples eigenen Apps, eine Ausweitung der Features auf die Apps von Dritt¬anbietern wäre allerdings nur logisch – und würde das iPad Pro damit sinnvoll in das bestehende Ökosystem aus Profi-Apps, iOS 8 und OS X eingliedern.

Abgesehen vom möglichen Einsatz eines Stylus bleibt die große Leak-Welle mit Fotos von Bauteilen und Hüllen beim großen iPad vorerst noch aus. Doch neue Bilder deuten daraufhin, dass das Tablet mit einem zusätzlichen Lautsprecher Stereo-Sound liefern könnte. Mit einer Tiefe von sieben Millimetern würde es zudem dünner ausfallen als das iPhone 6 Plus. Als möglicher Release-Zeitraum ist das zweite Quartal 2015 im Gespräch.

Allerdings wäre der iPhone-Bauer mit einem größeren Tablet auch nicht der Erste am Markt: Samsung vertreibt bereits das Galaxy Note Pro 12.2 mit 12,2 Zoll und einem Stylus zum Zeichnen, Schreiben und Markieren von Texten. Auch das Surface Pro 3 mit 12 Zoll lässt den Nutzer mit einem „Digitizer“-Stift auf Knopfdruck Notizen verfassen. Abhalten sollte Apple das nicht. Wie schon beim iPhone und beim ersten iPad war der Konzern aus Cupertino nicht Pionier, sondern ließ andere Hersteller Fehler machen, um dann mit einem ausgereiften Produkt die Branche aufzuwirbeln. Ein Pro-iPad wäre zweifelsohne kein Produkt für die Massen. Aber ein potentes Mittel, um dem Abwärtstrends im Tablet-Markt entgegenzuwirken, wäre es allemal.

Der Artikel stammt aus dem sonntag – das digitale Magazin. Einblicke in die Vielfalt des digitalen Sonntagsmagazins erhalten Sie ebenfalls auf dem so.-Blog. Zudem können Sie Facebook-Fan vom sonntag werden.