Smart City: Eine neue Generation urbanen Lebens?

Smart City

© Jan Becke/Fotolia

Unter dem Begriff Smart City vereinen Technologiekonzerne und Journalisten derzeit all jene Entwicklungen, die dazu dienen sollen, eine Stadt moderner und effizienter zu gestalten. Dazu gehören technische und wirtschaftliche Innovationen genauso wie soziale Inklusion. Immer neuer, immer mehr, immer besser – so lautet scheinbar der Grundsatz. Was vielerorts als die einzig wahre Zukunft, als wunderbares Konzept nachhaltigen Zusammenlebens gefeiert wird, zieht durchaus Kritik auf sich.

 

Smart City – Ideen und Konzepte

2008 lebten erstmals weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Dieser Trend wird sich fortsetzen, soviel scheint sicher. Es müssen also neue Konzepte her! Konzepte, um unsere Städte attraktiver zu gestalten; Lösungen für die Probleme der demographischen Entwicklung: neue Verkehrssysteme, Wohnraum, Infrastruktur und so weiter. Die Stadt der Zukunft muss effizient sein und ihren Bewohnern allen Komfort bieten, den sie brauchen. Denn die Menschen sind der Motor einer jeden Stadt. Derartige Szenarien werden momentan sehr gern von den Großen der Technologiebranche durchgespielt.

 

Torontos Eastern Waterfront

In Toronto etwa plant Sidewalk Labs – Tochtergesellschaft von Google – eine Stadt, die vom Internet her geplant und aufgezogen wird. Das gute alte Reißbrett ist verschwunden. Autonom fahrende Taxibots für die Menschen teilen sich die Verkehrswege mit ebenso unabhängig agierenden Robotern, die Pakete zustellen. Wobei: Unabhängig ist nicht das richtige Wort, denn all diese Maschinen agieren von Googles Gnaden. Denn wenn der Technologieriese Torontos neues urbanes Leben steuert, dann hält er selbstverständlich auch die Hebel für die Funktionsfähigkeit der gesamten Metropole in den Händen. Müllroboter, Taxiroboter, Postroboter und ein per Smartphone-App steuerbarer Fußverkehr: all das kontrolliert dann Google. Zwar sind derartige Pläne bisher noch Zukunftsmusik – allerdings eine bereits ziemlich durchkomponierte. Was heute noch als smartes Modell für einen verhältnismäßig kleinen Bereich des Hafenareals Eastern Waterfront daherkommt, mag in naher Zukunft viel mehr werden.

 

Saudi-Arabiens Mega-City

An Projekten wie in Toronto arbeitet man an vielen Orten der Welt. Panasonic etwa baut derzeit in Berlin das Wohnquartier Future Livin Berlin und Ex-Siemenschef Klaus Kleinfeld leitet ein ziemlich gigantisch anmutendes Projekt in Saudi-Arabien: Dort soll in den nächsten Jahren für sage und schreibe 500 Milliarden Dollar eine neue Mega-City aus dem Boden gestampft werden: Neom. Das kürzlich von der saudischen Herrscherfamilie vorgestellte Vorhaben will auf einer Fläche etwa so groß wie Hessen die Zukunft des Landes konstruieren. Eine Zukunft unabhängig vom Öl – denn das geht langsam aber sicher zur Neige. Neue Ökonomiebereiche sollen erschlossen werden, etwa Biotechnologie, Dienstleistungen und regenerative Energien. Passend dazu soll der Energiebedarf der Planstadt komplett durch Wind- und Sonnenkraft gedeckt werden, Häuser könnten am 3D-Drucker entstehen. Bisher existieren allerdings nur große Pläne und aufwendige Werbespots.

 

Brauchen wir die Smart City?

Hinter dem Konzept der Smart City stecken eine ganze Menge wissenschaftlicher Theorien, nicht nur wirtschaftlichen Hintergrunds. Ein Grundpfeiler ist etwa die Soziophysik, an deren Beginn die Annahme steht, dass sich soziale Szenarien aller Art mit naturwissenschaftlichen Modellen simulieren, durchspielen und somit erklären lassen. Soziale Interaktionen sollen mit Big-Data-Methoden steuerbar sein, all das wirkt ein bisschen wie „Die Sims“. Droht der Mensch so zur bloßen Variablen zu werden? Dem einen oder der anderen mag es erscheinen, als werde der Mensch zu einem Spielball, zu einem computergesteuerten Avatar seiner selbst. Solche Ängste sind vielleicht nicht ganz unbegründet. Technologische Innovation bedeutet ebensolche Abhängigkeit. Nehmen wir die Idee des teilweise app-gesteuerten Fußverkehrs: Was jüngeren Generationen als interessantes Konzept erscheint, kann für ältere Menschen schon am Nicht-Vorhandensein eines Smartphones scheitern. Andererseits bietet gerade das Feld des autonomen Fahrens für Senioren das Potential, auch mit fortgeschrittenem Alter mobil zu bleiben.

 

Leben von Googles Gnaden?

Ein weiterer Kritikpunkt: Wir übertragen die Entwicklung der Smart City großen Konzernen. Das ist zwar logisch, birgt aber Risiken. Wenn an der Eastern Waterfront in Toronto eine hochtechnisierte Stadt entsteht, die von Google geplant und konstruiert wurde, dann wird Google die Möglichkeit haben, sämtliche Abläufe in dieser Stadt zu beeinflussen. Gleiches gilt für Panasonic in Berlin oder beliebige andere Projekte dieser Art. „Big Brother is watching you!“, so heißt es bei Orwell.

So oder so, es scheint jedenfalls sicher, dass die Smart City nicht mehr aufzuhalten ist. Es wäre vermutlich ohnehin falsch, sich ihr in den Weg zu stellen – denn wir müssen neue Konzepte urbanen Lebens finden. Nur sollten bei aller Technisierung das menschliche Individuum und dessen selbstbestimmtes Leben nicht auf der Strecke bleiben.