„Natürlich macht das Heimwerken im Grunde jeden Medienwandel mit“ – Im Interview mit Dr. Jonathan Voges

Heimwerken

Am 17. August startet unser nächstes Digital Aktiv Forum. Dabei dreht sich alles um das Thema Do-It-Yourself. Das Heimwerken ist modern wie nie – woran liegt das? Und: Wann haben wir eigentlich mit dem Selbermachen in der Freizeit angefangen? Zur Beantwortung dieser Fragen haben wir uns Unterstützung geholt und einen Experten befragt!

Dr. Jonathan Voges arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Er hat in Hannover und St. Louis Germanistik und Geschichte studiert. 2017 erschien im Wallstein-Verlag seine Dissertation zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Heimwerkens in der Bundesrepublik Deutschland. Derzeit forscht er zur intellektuellen Zusammenarbeit in der Zwischenkriegszeit.

 

Herr Voges, nachdem Sie ein über 600 Seiten starkes Buch über das Heimwerken geschrieben haben, gehe ich davon aus, dass Sie mir beim nächsten Ikea-Schrank zur Hand gehen könnten. Sind Sie jetzt ein Bastelprofi? Oder war Do-It-Yourself schon immer Ihr Ding?

Weder noch, würde ich sagen. Do-It-Yourself ist als Praxis immer noch nicht mein Ding, und war es tatsächlich nie. Ich kann Ihnen aber viel darüber erzählen, wie es zum Ding anderer Leute wurde. Ich bin eher ein klassischer Muss-Heimwerker: Ich mache was anfällt, aber ich mache das nicht besonders gern – und leider auch nicht besonders gut …

 

Obwohl Sie mit dem Heimwerken in der Praxis also nie so richtig warm geworden sind, haben Sie Ihre Doktorarbeit über genau dieses Thema geschrieben. Für Sie als Historiker, wo genau liegt denn da die Relevanz?

Dr. Jonathan Voges

Dr. Jonathan Voges

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, aus denen das Thema für eine historische Arbeit Relevanz besitzt. Einige ganz wesentliche Dinge, die für die westdeutsche Geschichte nach 1945 diskutiert werden, spiegeln sich im Heimwerken, in der Do-It-Yourself-Bewegung wider. Da wäre erstens die Frage nach Geschlechterverhältnissen im privaten Raum. Zweitens bildet sich im Heimwerken ein Wandel des Verhältnisses von Arbeit und Freizeit ab. Ein dritter Punkt, der in meiner Arbeit großen Raum einnimmt, ist die Geschichte des Einzelhandels am Beispiel von Baumärkten. Diese und weitere Punkte machen das Heimwerken meiner Meinung nach zu einem für die Geschichtswissenschaft hochspannenden Thema.

 

Es heißt in Ihrer Arbeit, das Heimwerken sei typisch für eine Wohlstandsgesellschaft. Warum?

Da zitieren Sie eine meiner Quellen, der ich aber vollkommen zustimmen würde. Denn: Eine Gesellschaft muss ein bestimmtes Maß an Wohlstand erreicht haben, damit das Heimwerken überhaupt Sinn macht. Es muss zum Beispiel genug Lebensmittel geben, damit niemand mehr akute Not leidet, die Arbeit muss so verteilt sein, dass überhaupt genug Freizeit für eigene Projekte erübrigt werden kann, und – quasi eine Grundvoraussetzung – es muss Wohnraum vorhanden sein, den man den eigenen Vorstellungen entsprechend anpassen kann. Das heißt, man muss sich seine Wohnung nicht mehr mit anderen teilen, wie es ja in den Jahren nach dem Krieg häufig der Fall war. Im Idealfall besitzt man gar ein Eigenheim.

 

Historisch betrachtet, wo sehen Sie den Beginn dieser Bewegung? Sie sprachen ja vorhin von einer besonderen Relevanz des Heimwerkens für die westdeutsche Geschichte nach 1945.

Den Beginn der Do-It-Yourself-Bewegung würde ich interessanterweise genau zu dem Zeitpunkt ansetzen, für den man in der Bundesrepublik Deutschland gemeinhin den Durchbruch der Massenkonsumgesellschaft annimmt: Ende der 1950er Jahre. Hier wurde einerseits das besagte Wohlstandsniveau erreicht, andererseits kommt aber auch Do-It-Yourself als Idee im bundesrepublikanischen Mainstream an. Das äußert sich etwa darin, dass zunächst Zeitschriften und Bücher zum Thema erscheinen; etwas später beschäftigen sich dann auch Rundfunk und Fernsehen mit dem Heimwerken.

 

Von den 50er Jahren bis heute ist sehr viel Zeit vergangen. Was hat sich seither verändert? Ich denke besonders an YouTube-Kanäle, die regelmäßig Tutorials zum Bau der verschiedensten Dinge für die breite Masse bereitstellen.

"Selbst ist der Mann"Natürlich macht das Heimwerken im Grunde jeden Medienwandel mit. Zunächst wird hier Wissen ganz klassisch mündlich weitergegeben. Später kommen dann die Zeitschriften auf den Markt, Mitte der 60er Jahre erobert das Heimwerken schließlich den Rundfunk. Die neueste, sehr interessante Entwicklung ist nun das Internet. Es ist mittlerweile jedem möglich, sich schnell und kostenfrei alle möglichen Anleitungen zu besorgen. Das Internet bietet aber seit jeher einen doppelten Zugang: den des Produzenten und den des Konsumenten. Der Konsument findet besagte Anleitungen, baut vielleicht Dinge nach. Der Produzent allerdings bekommt durch das Bereitstellen seiner Expertise, durch das Zeigen seiner Projekte eine Projektionsfläche. Er kann online sein Können beweisen, auf diesem Weg Lob für seine Arbeit erhalten und stolz auf sich sein.

 

Sie sagen, das Internet dient der Darstellung der eigenen Projekte, der Selbstpräsentation. Ich habe das Gefühl, dass Do-It-Yourself darauf aufbauend gerade jetzt wieder so populär wird, weil man in einer immer digitaler werdenden Welt etwas mit den eigenen Händen schaffen kann.

Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben! Interessant ist allerdings, dass genau dieses Argument nicht mit der Digitalisierung, mit der Arbeit am Computer einsetzt, sondern bereits ganz zu Beginn der Bewegung, in den 50er Jahren. Auch in dieser Zeit wir das Heimwerken ausgedeutet als Rückkehr zur Handarbeit, weil die eigene, die berufliche Tätigkeit zunehmend bürokratisiert ist, zunehmend nicht mehr im Werkraum stattfindet, sondern im Büro.

 

Auch in unserer immer vernetzter werdenden Welt könnte ich mir vorstellen, dass das Do-It-Yourself ein gewisser Ausdruck von Konsumkritik sein kann. Ich denke erstens, dass die Leute nicht billig produzierte Massenware kaufen wollen, die schnell kaputt geht, aber ebenso zweitens, dass man bewusst Dinge selbst herstellt, weil man bestimmte Produktionsbedingungen im Ausland nicht unterstützen möchte, was die dort beschäftigten Menschen betrifft.

Ich glaube, es gehört ein Stück weit zur Rolle des Historikers, ab und an der Spielverderber zu sein. Denn: Auch diese Entwicklung findet man bereits früher, nämlich im linksalternativen Milieu der 70er und 80er Jahre. Aber im Ernst: Auch damals wollten die Menschen Dinge selbst produzieren; allerdings weniger, um die Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern anzuprangern, sondern eher, um der Industrie- und Konsumgesellschaft eins auszuwischen. Man wollte den industriell hergestellten Produkten ein Stück Individualität entgegenhalten. Darüber hinaus empört man sich durchaus über eine Wegwerfgesellschaft, es findet ein Art Politisierung der Reparatur statt: Dinge werden repariert, damit sie länger genutzt werden können. Auch diese Begründungen finden sich in der YouTube-Heimwerkerkultur, aber auch „offline“ in Form der so genannten Repair Cafés. Hier zelebriert man das Reparieren regelrecht als gesellschaftliche Praxis, man lebt es aus.

 

Wenn man Do-It-Yourself als eine sich stetig gesellschaftlichen Veränderungen anpassende Bewegung versteht, fällt meiner Meinung nach ein Bereich etwas aus dieser Entwicklung heraus: Das Heimwerken ist modern, es ist hip und wird von Männern und Frauen ganz gleich welcher Herkunft mit Spaß ausgeübt. Die typische Baumarktwerbung allerdings geht diesen Weg nicht mit. Dort ist häufig noch immer der muskulöse Typ im Holzfällerhemd mit seiner Axt zugange.

Das stimmt schon, wir haben auf der einen Seite eine Darstellung des Heimwerkens als für alle offene Freizeitbeschäftigung. Anderseits ist es doch bis heute recht maskulin geprägt. Es kann gut sein, dass viele Baumärkte um ihre Zielgruppen wissen und es nicht nötig haben, ihr Marketing entsprechend anzupassen, auf Neues einzustellen. Ich habe allerdings gewisse Werbespots im Kopf, die mit solchen überkommenen Rollenbildern spielen und sie ironisch einsetzen. Viele scheinen es aber wirklich nicht nötig zu haben, sich um die tolerante, moderne und polyglotte Mitte zu bemühen.

 

Herr Voges, zum Abschluss: Was möchten Sie zukünftigen Heimwerkern mit auf den Weg geben? Haben Sie ein paar Tipps für uns?

Das ist eine gute Frage … Ich glaube tatsächlich, dass sich niemand von mir Heimwerkertipps geben lassen sollte, wenn er wirklich bestrebt ist, ein vernünftiges Projekt anzustrengen. Was man aber aus der Beschäftigung mit Do-It-Yourself lernen kann, ist, dass Heimwerken keineswegs so einfach ist, wie es auf den ersten Blick oft aussieht. Deshalb ist Sicherheit ganz wichtig. Ein Kapitel meiner Arbeit beschäftigt sich mit Unfällen beim Heimwerken – und da gab es einige. Also: Safety first!

 

Haben Sie vielen Dank für das Interview!