Der Kalte Krieg im Weltraum: Das Science Fiction-Highlight The Expanse

The Expanse

Unser Sonnensystem im 23. Jahrhundert. Nahezu alle Planeten wurden kolonisiert, dazu schweben jede Menge Raumstationen durch das Weltall. Gigantische Raumschiffe – Kriegsschiffe, Frachter und intergalaktische Fernbusse – verkehren zwischen den Welten, angetrieben von futuristischen Antrieben. Was erst einmal nach klassischer Science Fiction klingt, wird The Expanse nicht im Ansatz gerecht. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die Serie es sowohl Fans von Blade Runner als auch von Star Wars recht machen dürfte:

 

Der Cop und die Gürtler

Auf der einen Seite steht nämlich die Story des abgehalfterten Cops Joe Miller, der auf der Raumstation Ceres mehr oder minder erfolgreich für Recht und Ordnung sorgt. Der Mann, der ziemlich genau dem Archetyp des hardboiled detective entspricht, hat wahrlich genug zu tun. Denn: Auf Ceres brodelt es ganz ordentlich. Auf Stationen wie Millers leben die Gürtler; Menschen, die ihr ganzes Leben im Asteroidengürtel verbringen. Sie betreten nie einen Planeten, und stellen so etwas wie eine nächste Stufe der menschlichen Entwicklung dar: So sind die Männer und Frauen dort an die geringe Schwerkraft angepasst und wären gar nicht mehr in der Lage, auf der Erde zu überleben.

Jene Gürtler fühlen sich ausgebeutet, sie stehen zwischen den Fronten von Erde und Mars. Ja, auch der Mars kommt in The Expanse nicht zu kurz! Der rote Planet wurde bereits lange vor Einsetzen der Handlung kolonisiert. Die dortigen Siedler haben sich irgendwann von der Erde losgesagt und ihre Unabhängigkeit erklärt. Seither stehen sich Mars und Erde als konkurrierende Mächte gegenüber, Waffen werden gewetzt, man beäugt sich misstrauisch. Genau zwischen den Fronten – nicht nur geographisch – stehen die Gürtler. Sie beliefern beide Parteien mit wichtigen Rohstoffen, erhalten dafür aber kaum eine Gegenleistung: Bezahlung, medizinische Versorgung und politische Mitsprache sind katastrophal. Unzufriedene haben deshalb eine, durchaus gewaltbereite, Widerstandsbewegung, die Outer Planets Alliance, gegründet.

Inmitten dieses brodelnden Vulkans bekommt Miller nun den Auftrag, die verschwundene Tochter eines Milliardärs von der Erde aufzuspüren, die sich angeblich auf Ceres befindet. Seine Ermittlungen führen ihn dabei quer durch die Wohn- und Arbeitsbereiche der Station. Und das ist eine ziemlich triste, eine ziemlich deprimierende Angelegenheit. In einem kleineren Maßstab erinnert das frappierend an das düstere L.A. der Zukunft in Blade Runner. Zwar fehlt Miller die philosophische Tiefendimension eines Rick Deckard, dennoch sind die Parallelen offenkundig.

 

Cyberpunk und Space Opera

Außer den Fans des klassischen Cyberpunks werden auch Freunde von Star Wars und den großen Space Operas ihre Freude an The Expanse haben. Denn: Neben der Erzählung um Miller und seine Suche wird ein zweiter großer Handlungsstrang gesponnen. Und der berichtet von einem Raumfahrer namens James Holden und seiner Crew. Holden ist eigentlich kein besonders wichtiges Mitglied der Besatzung des Frachters Canterbury – bis eine Rettungsmission katastrophal schiefgeht, ihr Fahrzeug von einem unbekannten Kriegsschiff angegriffen wird und der Großteil der Besatzung ums Leben kommt. Holden und die anderen Überlebenden nehmen die Sache in die Hand und heften sich auf die Spur des Angreifers.

Beide Handlungsstränge werden natürlich irgendwann zusammengeführt, die ersten Episoden allerdings präsentieren beide Erzählungen quasi separat. Natürlich sorgt das für den einen oder anderen Patzer in der Dramaturgie, dennoch fiebert der Zuschauer förmlich der Zusammenführung entgegen – denn bereits im Vorhinein webt The Expanse geschickt einzelne Verbindungslinien ein.

Holden und sein Team sorgen nun für deutlich mehr Wumms als Miller und seine Ermittlungen. Im Weltall geht es rasant zu, die Besatzung springt mehr als einmal dem Tod von der Schippe – natürlich immer mit einem coolen Spruch auf den Lippen. Das erinnert stellenweise herrlich an frühe Star Wars-Zeiten!

 

Der neue Kalte Krieg

Wirklich besonders macht The Expanse aber der Hintergrund. Die bedrückende Pattsituation zwischen Erde und Mars ist nichts anderes als ein Kalter Krieg, ein Wettrüsten, eine ständige Ungewissheit, ob der schwelende Konflikt nicht plötzlich eskaliert.

Gleichzeitig führt die Serie konsequent soziale Ungerechtigkeit einer zukünftigen Gesellschaft vor; und zwar in aller Drastik. Die Gürtler leben unter schrecklichsten Bedingungen, sichern aber die Versorgung der Erdbevölkerung, welche größtenteils keiner Beschäftigung nachkommt, sondern sich auf ein bedingungsloses Grundeinkommen verlassen kann. Demgegenüber steht der Mars, ein Staat mit militärischen Idealen wie Stärke, Genügsamkeit und absoluter Treue zum System. Ein, in der Science Fiction oft präsentes, klares Gegenüber von „Gut“ und „Böse“ gibt es nicht, es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich eine Meinung zum Geschehen zu bilden. Die Outer Planets Alliance zum Beispiel: Die Widerstandskämpfer sind gewaltbereit, streben aber doch nur nach besseren Lebensbedingungen für sich und ihre Familien. Hat man sich als Zuschauer auf dieser Grundlage dann allmählich mit ihnen arrangiert, kann sich gar mit ihnen identifizieren, taucht auf einmal eines ihrer Mitglieder auf, dass besagte hehre Ideale ausschließlich zur eigenen Bereicherung ausnutzt.

 

Alltagshelden des Alls?

Ein einziges kleines Manko hat The Expanse dann aber doch: den Cast. Klar, Thomas Jane macht als abgehalfterter Cop Joe Miller eine ziemlich gute Figur, für seine Rolle ist er schlicht und ergreifend die perfekte Wahl. Deutlich weniger geglückt erscheint allerdings Ex-Model Steven Strait als Raumfahrer James Holden. Die ewigen moralischen Zwickmühlen des Piloten bringt der US-Amerikaner in etwa so glaubwürdig herüber wie ein Actionheld der 80er eine pazifistische Lebenseinstellung.

Was dann allerdings wieder deutlich positiver daherkommt, ist die – zu Unrecht oft bemängelte – Sprache der Serie. Was auf den ersten Blick ziemlich seltsam und gekünstelt klingt, entpuppt sich beim zweiten Hinhören doch nur als konsequente Fortführung, als ein postmoderner Soziolekt der Arbeiterklasse.

Einen genaueren Blick wert ist The Expanse also definitv!