Von „I am Legend“ bis „Splice“: Zukunftsvisionen des Biopunk

Biopunk

Wir alle machen uns Gedanken über die Zukunft, fragen uns, ob diese nun besser oder schlechter als unsere Gegenwart sein wird. Seit jeher liefern uns Bücher, Filme und Videospiele mögliche Antworten. Und die fallen meist recht unschön aus. Nehmen wir beispielsweise die folgende Szene aus dem Film I am Legend: Ein Mann schleicht durch ein völlig menschenleeres Manhattan. Was bis hierher nach dem Traum eines jeden Touristen klingt, entpuppt sich bereits auf den zweiten Blick als ganz und gar nicht mehr schön – die Stadt ist nämlich nicht nur menschenleer, sie ist verwildert. Die Natur erobert sich ihr Reich zurück, Dornensträucher ranken sich aus dem aufgebrochenen Asphalt der Straßen, Pflanzen klettern Wolkenkratzer empor oder wachsen aus zerstörten Fenstern. Unser einsamer Passant ist auf der Jagd, in der Stadt tummelt sich allerlei Wild. Schnell läuft ihm ein Reh vor die Flinte, das Abendessen ist gerettet. Was dem einen oder der anderen an dieser Stelle noch als romantische Back to Nature-Story erscheinen mag, entpuppt sich als Albtraum, sobald die Nacht hereinbricht. Denn in der Dunkelheit gehen Monster um.

Szenenwechsel, der Film Splice: In einem steril aussehenden Labor kniet eine junge Frau, deren Kleidung sie als Wissenschaftlerin ausweisen soll, vor einer seltsam anmutenden Kreatur. Klein ist das Wesen, es bewegt sich auf zwei Beinen, hat keine Arme, dafür aber einen stachelbewehrten Schwanz. Ganz entfernt wirkt es menschlich, trägt androgyne Züge. Die Gestalt stammt aus dem Reagenzglas, unsere Wissenschaftlerin hat sie gemeinsam mit ihrem Partner gezüchtet, sie designet. Im weiteren Verlauf wird sich Dren – so der Name des Wesens – gegen ihre Schöpfer wenden und jede Menge Chaos anrichten.

 

Neue Welten, schöne Welten?

Beide Szenen haben einiges gemeinsam: Sie entführen den Zuschauer in  eine ihm unbekannte Welt. Sei es nun das riesige, verwilderte New York City oder sei es das kleine, abgeschottete Labor mit der ominösen Klonkreatur – wir werden mit etwas konfrontiert, das wir nicht kennen. Obgleich uns derartige Szenen aus dem Alltag glücklicherweise unbekannt sind, fürchten wir sie doch auf einer unterschwelligen Ebene. Wir haben Angst, dass das Gezeigte vielleicht einmal zur Realität werden könnte. Düstere Zukunftsvisionen, so genannte Dystopien, sind nun nichts Neues. Genau genommen existieren negative Entwürfe der Welt von morgen bereits seit langer Zeit, als eigenständiges literarisches Genre etablieren sie sich allerdings erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Werke wie Aldous Huxleys Brave New World oder George Orwells 1984 warnten bereits in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrtausends vor totalitären Regimen oder etwaigen schlimmen Folgen der Technisierung. Schöne neue Welten erweisen sich dabei als Trugschluss. Durch Übersteigerung politischer, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Tendenzen der Gegenwart versucht die Dystopie zu warnen. Es ist dabei die Technik, welche der Menschheit eigentlich ein sorgenfreies Leben ermöglichen sollte, die dafür sorgt, dass es in der Zukunft so richtig ungemütlich wird.

Biopunk

Filmplakat zu I am Legend. © Warner Bros.

 

Biopunk

Während es oftmals Computer, Roboter oder psychedelische Drogen sind, die das zukünftige Dasein so richtig schwierig machen, thematisieren Werke wie I am Legend oder Splice etwas anderes: die Biotechnologie. Es geht um genetische Manipulation, um Viren, um Klone. So hat in I am Legend ein eigentlich hehres Ziel zur Apokalypse geführt: Ein potentielles Heilmittel gegen Krebs führt dazu, dass die Menschen entweder sterben oder sich in rasende, zombieartige Kreaturen verwandeln, die zwar das Sonnenlicht scheuen, des Nachts aber auf die Jagd gehen.

Das Genre, in dem sich beide Filme bewegen, hört auf den Namen Biopunk, ein Kompositum, eine Zusammensetzung der Wörter Bio und Punk. Während die Wahl des ersteren Begriffs mittlerweile als recht einleuchtend erscheinen dürfte, mutet Punk an dieser Stelle erst einmal seltsam an. Was hat eine Musikrichtung mit genmanipulierten Monstern und kollektiven Zukunftsängsten zu tun?

Die Antwort liegt weniger in der Musik als vielmehr in der Einstellung: Punk sein, das bedeutet, ein bestimmtes Lebensgefühl zu verinnerlichen, Teil einer Protest-, einer Gegenkultur zu sein. Punk ist Aufbegehren – in ihm manifestiert sich Wut gegen Autoritäten. Eben jener Aspekt des Aufbegehrens, der wütenden Kritik findet sich im Biopunk. Die Vertreter des Genres begehren auf, sie zeigen mit dem Finger auf den unreflektierten Umgang mit Biotechnologie. Und das tun sie teils in aller Drastik.

 

Bio-Macht und Alltag

Unsere Gesellschaft befindet sich seit Jahren in einer Phase der Umbrüche – und zwar sowohl der guten als auch der weniger guten. Neben diversen politischen und sozialen Entwicklungen sind ebenfalls gewisse technologische Errungenschaft im Bewusstsein vieler Menschen ein Grund der Besorgnis. Man fürchtet den falschen, eben den unreflektierten Umgang gerade mit der Gentechnologie. Die Bausteine menschlichen Lebens etwa sind weitestgehend analysiert, die Forschung bringt bereits neues Leben aus dem Reagenzglas hervor – nur eben kein menschliches. Was genau aber ist es, das sie daran hindert? Wirklich die technische Umsetzbarkeit? Oder sind es vielleicht eher ethische Schranken, die Konzernen auferlegt werden? Biopunk verfolgt nun die Frage, was passiert, wenn diese Grenzen verschwinden oder umgangen werden.

Der französische Philosoph Michel Foucault hat mit dem Begriff der Bio-Macht ein theoretisches Gerüst für derartige Überlegungen geschaffen. Prinzipiell geht Foucault davon aus, dass die Kontrolle über eine große Gruppe von Menschen am ehesten dadurch gelingt, dass die kontrollierende Instanz gesamtgesellschaftlich in das Leben jedes Individuums eingreift. Und dies funktioniert nun, so Foucault, am besten über biologische Prozesse. Werden Dinge wie das Gesundheitsniveau oder die Geburten- und Sterberate reguliert, kann damit ein umfassendes Maß an Kontrolle erreicht werden, wie Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem 2001 erschienenen Buch Empire schreiben.

Biopunk

Leben aus dem Reagenzglas?

 

Das Posthumane

Genrevertreter des Biopunk müssen nun aber nicht unbedingt immer uns zu Leidtragenden machen; es geht auch andersherum. So mag bei aller Begeisterung für technische Errungenschaften vielleicht die Antwort auf die Frage auf der Strecke bleiben, was wir mit ihren Produkten eigentlich anstellen. Nehmen wir gleich einmal das drastischste Beispiel: künstliches Leben. Bereits Mary Shelley dachte in Frankenstein darüber nach, wie sich ein im Labor geschaffenes Wesen wohl fühlen würde, wenn es mit dem Leben außerhalb des Reagenzglases konfrontiert wird.

Stehen Fragen wie diese im Raum, kommen wir dabei meist nicht besonders gut weg. So erschaffen in Splice zwei Wissenschaftler, die nicht zufällig als kinderloses Pärchen präsentiert werden, die Kreatur Dren. Sie tun das, weil sie es können, weil ihnen die technische Möglichkeit dazu gegeben wurde. Mit dem Erschaffungsprozess endet auch der Plan der Wissenschaftler. Sie haben schlicht keine Ahnung, wie sich Dren verhalten wird, geschweige denn, wie man sich um das Wesen kümmert, es aufzieht, ihm die Welt erklärt.

Es geht hier also um die Frage, was passiert, wenn wir künstliches Leben erschaffen haben. Wird es sich menschlich verhalten? Und was zeichnet menschliches Verhalten aus? Letztlich sind wir alle Produkte der uns umgebenden Kultur, geprägt von ihren Werten und Normen. Es läge demnach in unserer Verantwortung, künstlichen Wesen die Welt zu erklären. An dieser Aufgabe scheitern Elsa und Clive, die Wissenschaftler aus Splice, ebenso wie Victor Frankenstein. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Eine auf stete Optimierung ausgelegte Genetik wird zum Ziel haben, Wesen zu schaffen, die uns überlegen sind. Und wenn nun die Schöpfung dem Schöpfer körperlich und intellektuell überlegen ist, könnte sie zu dem Schluss kommen, uns gar nicht mehr zu benötigen.

Diese und ähnlich beängstigende Fragen denkt der Biopunk zu Ende. Letzen Endes ist das Genre aber Entertainment: Filme, Bücher, Spiele – sie alle wollen uns unterhalten. Dennoch bleibt das ernsthafte Statement: Wir sollten denken, bevor wir handeln.