Die staatliche Rating-Agentur: China und seine Social Credits

Social Credits in China

Babynahrung sollte gesund sein, zu viel Alkohol ist unerwünscht, Zigaretten sind ein No-Go. Die Volksrepublik China hat bereits vor einiger Zeit testweise ein System aus so genannten Social Credits eingerichtet, mit dessen Hilfe sie ihre Bürger überwacht. Wer also darauf achtet, sein Kind gesund zu ernähren, bekommt Bonuspunkte, Raucher dagegen müssen mit Negativbewertungen rechnen. Wie funktioniert das? Und: Was macht so etwas mit einer Gesellschaft?

 

Social Credits auf dem Lebenskonto

Geplant ist letztlich eine Art umfassende Schufa-Auskunft – alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens der Bürger sollen überwacht und bewertet werden. Wer also etwa stets alle Rechnungen pünktlich zahlt, bekommt dafür Punkte. Wer dagegen dazu neigt, lieber erst die dritte Mahnung abzuwarten, der riskiert entsprechend Abzüge.

Was bis zu diesem Punkt noch durchaus nach der Schufa klingt, geht tatsächlich sehr viel weiter und greift massiv in die Privatsphäre ein. So soll das Social Credit-System nach Meinung der chinesischen Regierung dazu dienen, direkt einschätzen zu können, ob jemand vertrauenswürdig ist – und dazu gehört eben auch, dass die Social Credits eines Bewerbers potentiellen Arbeitgebern zur Verfügung gestellt werden, oder dass Nutzer von Dating-Apps die jeweiligen Punktestände der anderen User einsehen können.

 

Belohnen und strafen

Der Höchststand liegt bei 1300, der niedrigste Wert bei 600 Punkten. Zwischen diesen beiden Zahlen werden die Chinesen künftig hin und her pendeln. Das System soll 2020 flächendeckend an den Start gehen und wird bereits seit Ende 2017 in verschiedenen Provinzen getestet. Wie die Bevölkerung dem gegenüber steht, ist nicht leicht einzuschätzen. Zwar äußern sich durchaus kritische Stimmen, viele Unzufriedene werden aber schweigen – aus Angst vor einer schlechten Bewertung.

Andere aber befürworten das System. Das ist erst einmal schwer zu glauben: Warum sollte man eine derart umfassende Überwachung gut finden? Die Lösung ist denkbar simpel: Weil „tugendhaftes“ Handeln belohnt wird. Das heißt: Je näher jemand der 1300er Marke der Social Credits kommt, desto mehr Vergünstigungen im Alltag erhält er.

 

Sesame Credit

Die Social Credits sind nun keine Erfindung der chinesischen Regierung, Vorläufer existieren bereits seit Jahren – und sind durchaus erfolgreich. Das Unternehmen Alibaba – eine Art chinesisches Amazon – etwa betreibt einen Dienst namens Sesame Credit. Hierbei handelt es sich um ein System, das den Social Credits frappierend ähnelt – allerdings ist die Teilnahme rein freiwillig. Wer möchte, registriert sich also und wird fortan genauestens überwacht. Auch bei Sesame Credit gilt: Wer sein Handeln ganz den Vorgaben anpasst, erhält Vergünstigungen – etwa Rabatte auf Flugreisen. Wie genau der Algorithmus hinter dem System funktioniert, verrät Alibaba übrigens nicht. Bekannt ist lediglich, dass besonders das Einkaufsverhalten der Nutzer analysiert wird.

 

George Orwell 2.0?

Die Idee des Systems ist clever: Belohnungen animieren zum Einhalten von Regeln. Letztlich wird hier also ein Anreiz geboten, sich „gut“ zu verhalten. Das Problem von staatlich regulierten Social Credits ist nun aber genau jenes „gut“. Denn: Es entscheidet die Regierung, welches Verhalten eben „richtig“ und welches „falsch“ ist. Es existiert kein Konsens, kein Wertekatalog oder ähnliches. Der Betreiber des Systems kann damit frei entscheiden, für was welche Punkte vergeben werden und welches Verhalten belohnt wird. Damit lässt sich eine Gesellschaft vortrefflich in eine gewünschte Richtung lenken – ein beängstigender Gedanke!

Die Social Credits führen in China nun allerdings nicht unbedingt einen Überwachungsstaat ein – staatliche Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle existieren dort bereits seit Jahrzehnten. So wurden etwa lange Zeit drei bis fünf Haushalte gewissermaßen zusammengefasst. Bei Vergehen eines Einzelnen wurden alle Mitglieder bestraft – ein wirksames Instrument der gegenseitigen Überwachung war geschaffen.

Die Social Credits also heben ein altes System auf eine neue, auf eine Big Data-Ebene. Es bleibt abzuwarten, wohin dies führen wird.

 

Auch interessant:

Smart City: Eine neue Generation urbanen Lebens?

 

 

 

 

Gesundheit: So wird Big Data in der Medizin eingesetzt